„Raubritter Hase“ - das Maskottchen der Stadt Torgelow

… zugegeben: einen Raufbold, Wegelagerer und Lösegelderpresser als Maskottchen für eine Stadt – das klingt schon etwas seltsam…

Tummeln sich doch sonst allerorten meist niedliche Teddybären, Mäuse und Fantasievögel zu den Gemeindehöhepunkten mit lustigen Gesten und kleinen Giveaways, um die Kinder und Touristen zu erfreuen. Torgelow, seit mehr als 250 Jahren Gießereistandort und Arbeiterdorf war seit je her fast ausschließlich Wohn- und Arbeitsstätte für seine Anwohner. Freizeit und Kultur waren nicht das Markenzeichen des erst 1945 zum Stadtrecht gekommenen Großdorfes. 1998/99 wurde dann in der Ortsgeschichte nach Anhaltspunkten gesucht, dem sich mittlerweile auch touristisch entwickelnden Stadtbild einen Wiedererkennungswert in Form einer Maskottchen-Figur zu verleihen. Der damalige Ortschronist Bernhard Albrecht und der Sachgebietsleiter für Kultur- und Pressewesen im Rathaus Ulrich Blume fanden in den historischen Unterlagen den im Spätmittelalter angesiedelten Ritter Zacharias Hase von Kufstein, um den sich unzählige überlieferte Sagen und Geschichten rankten. Ihm wurden allerdings nicht gerade positive Eigenschaften und heroische Heldentaten nachgesagt, sondern eher die Charakterzüge eines Raubritters und Unholdes. Als nach 1350 die askanisch-brandenburgischen Markgrafen Torgelow aufgegeben hatten, übernahmen die Bayrischen Wittelsbacher den Ort und übertrugen ihn an Ritter Zacharias Hase. Die Einwohner wurden Leibeigene und er selbst nannte sich fortan „Zacharias Hase von Kufstein zu Torgelow“. Das Rittergeschlecht der Hases stand zwischen den Machtkämpfen der pommerschen Herzöge und der brandenburgischen Markgrafen. Es kam zu immer derberen Auseinandersetzungen, vor allem bei der Beanspruchung der Handelswege. Die Geschichtsschreibung belegt nur wenige Fakten dazu und bis heute ist nicht eindeutig geklärt, ob Ritter Hase 1456 zu Unrecht gestürzt und von Herzog Wartislav von Pommern aus dem Land vertrieben wurde. Und auch die eigentliche Burg der Hases befand sich nicht, wie viele glaubten, im heutigen Ortskern von Torgelow, sondern in den Ueckerniederungen nahe Eggesin. Aber die Sagen und Geschichten um Zacharias Hase spannen sich vor allem in Verbindung mit dem begehrten Handelsplatz Torgelow. Und so wurde 1999 aus dem Wortspiel RITTER und HASE eine Figur kreiert, die einen Hasen in Ritterrüstung zeigt. Aus dem einstigen bösen Raubritter entwickelte sich im Laufe der Jahre ein „knuddeliger Hase“, der inzwischen seine eigene, ziemlich verrückte und natürlich von A bis Z erfundene Geschichte hat. Ihm zu Ehren wurde rings um das Rathaus ein Volksfest, das Torgelower Brückenfest, erfunden, das folgende Geschichte erzählt:

An jedem ersten Samstag im Mai erscheint Ritter Hase mit einem ziemlich kampflüsternen Gefolge von mehreren „richtigen Raubrittern“ in ziemlich genau nachempfundenen Metallrüstungen und massiver Bewaffnung in Form von Schwertern, Streitäxten und Morgensternen vor dem Rathaus. Ihnen verlangt es nach dem jeweils an der „Macht befindlichen Burgherrn“, in diesem Fall also dem Bürgermeister. Das „Ritterpack“ hat genau einen Tag, um den Machtinhaber zu stürzen, zu fesseln und zu entführen und dann ein riesiges Fest auszurufen, bei dem es natürlich um Essen, Trinken und Feiern geht, aber auch um ein ganztägiges Kulturprogramm, historisches Handwerk und Verkaufsstände, um Mummenschanz, Gaukler und Markttreiben. Zu diesem Zweck wird die Stadtkasse des Bürgermeisters symbolisch und mit einer aufwendig inszenierten Eröffnungszene geplündert und deren Inhalt dem Volk beim Torgelower Brückenfest zu freiem Eintritt spendiert. Ein großes Bühnenprogramm mit Livemusik, namhaften Künstler, Tanz und Klamauk gehört inzwischen ebenso dazu wie eine durch die Stadt Torgelow ausgerichtete „Brücken-Regatta“ auf der Uecker, die mitten durch das Torgelower Stadtzentrum fließt und somit Schauplatz eines jeweils sehr spannenden Kanadier-Rennens bildet, an dem sich Vertreter bekannter Vereine und Firmen in jedem Jahr erneut beteiligen. 19 Jahre lang musste Bürgermeister Ralf Gottschalk den Siegeszug der Raubritter ertragen. Im Jahre 2019, zum 20. Jubiläumsfest, standen die Bösewichte erstmals einer Frau gegenüber, nämlich der erst kurze Zeit im Amt befindlichen Bürgermeisterin Kerstin Pukallus, die sich gut zu verteidigen wusste und mit den Waffen der Frau und diplomatischen Mitteln dem ausufernden Treiben Einhalt gebot. In die Rolle des Hasen schlüpft seit 20 Jahren Detlef Beese, ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung, der der fiktiven Figur sehr frech und mit schauspielerischem Talent ein markantes Gesicht verleiht. Die Figur des „Raubritter Hase“ findet sich inzwischen auf vielen Publikationen, touristischen Marketingartikeln und städtischen Veröffentlichungen wieder und ist seither beliebter Gast bei Kinderveranstaltungen, Einschulungen oder externen Events, wie z. B. beim City-Fest in der Partnerstadt Espelkamp in Nordrhein-Westfalen.






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